Thema am 11. September 2005: Krieg und Frieden


Seit 60 Jahren haben wir in Deutschland keinen Krieg mehr erleben müssen. Wenn wir aus dem Blickwinkel der deutschen Geschichte an die Schlagworte "Krieg und Frieden" denken, so drängen sich sofort die Schreckensbilder des Zweiten Weltkriegs von Zerstörung, Tod und Leid auf.

Die großen Kriege der vergangenen Jahrhunderte, insbesondere des 20. Jahrhunderts, zeichneten jedoch nicht nur Deutschland schwer. Der Erste und der Zweite Weltkrieg, die Napoleonischen Befreiungskriege oder der Dreißigjährige Krieg überrollten ganz Europa bis über seine Grenzen hinaus. Diese Kriege allein kosteten Abermillionen Menschen das Leben und brachten Hunger, Krankheit und Armut. Häuser und Höfe, Städte und Dörfer wurden geplündert, gebrandschatzt und verwüstet. Dadurch gingen wertvolle Kulturdenkmale für immer verloren. Aber auch Religionskriege, kleinere Schlachten und Fehden waren zu allen Zeiten für die Bevölkerung und die Bausubstanz betroffener Gebiete verheerend.
Immer wieder jedoch bauten die Menschen ihre zerstörten Wohnhäuser, Kirchen und öffentlichen Bauten in der Architektur ihrer Zeit wieder auf, bewusst in den alten Strukturen oder als deutlicher Neuanfang. In längeren Friedensphasen gelangten viele Städte und Regionen zu Wohlstand, der sich auch im Reichtum ihrer Bauwerke niederschlug.

Das Thema "Krieg und Frieden" ist also für die Entwicklung der Architektur von großer Bedeutung. Diese Entwicklung ist naturgemäß eng mit allen Fragen und Belangen der Denkmalpflege verknüpft, die neben architekturgeschichtlichen Aspekten immer im Mittelpunkt des Denkmaltags stehen.
Mit dem Motto "Krieg und Frieden" wurde in diesem Jahr wieder ein Schwerpunkt gewählt, der außerordentlich viele Berührungspunkte mit zahlreichen Kulturdenkmalen hat, die am Tag des offenen Denkmals gezeigt werden. Wie immer gilt, dass das Schwerpunktthema als Möglichkeit angeboten wird, den Denkmaltag aus neuen Perspektiven zu gestalten und neue Denkmale zugänglich zu machen.

Das Schwerpunktthema am Denkmaltag
Im folgenden finden Sie einige Anregungen, wie Sie das Thema "Krieg und Frieden" mit dem Tag des offenen Denkmals verbinden können:
  • Zunächst denkt man sicherlich an die Zerstörungen großer Städte wie Dresden, Köln, Hamburg oder Würzburg, um nur einige zu nennen, die im Zweiten Weltkrieg durch Bombenangriffe in bis dahin unbekanntem Ausmaß beschädigt wurden. Für den Denkmaltag bieten sich Stadtführungen an, bei denen das moderne Stadtbild der Reichweite der Kriegszerstörungen gegenüber gestellt wird. Wichtige Aspekte sollten hier der denkmalpflegerische Umgang mit den kriegsbeschädigten Gebäuden vor dem Hintergrund der Notwendigkeiten der Nachkriegszeit sowie die Frage des Denkmalschutzes von Nachkriegsbauten sein.
  • Von der Burg bis zur Stadtmauer und von der Bastion bis zum Bunker - all diese Bauwerke dienten dem Schutz vor feindlichen Angriffen. Sie spiegeln nicht nur die jeweiligen Schutzanforderungen vor dem damaligen Kriegsgerät wider, sondern zeigen auch die architektonischen Möglichkeiten der Epoche. Oftmals beschäftigten sich die großen Architekten ihrer Zeit mit dem Bau ausgeklügelter Befestigungsanlagen. Die einflussreichen Bauherren der italienischen und französischen Renaissance gelten als Vorbilder ihrer europäischen Nachbarn.
  • Gerade die baulichen Hinterlassenschaften des Zweiten Weltkrieges sind bis heute Gegenstand einer langjährigen der Diskussion, wie die Denkmalpflege mit ihnen umgehen sollte. Dazu gehören in Deutschland auch die Bauwerke des "Kalten Krieges", wie die Berliner Mauer oder Überreste der ehemaligen DDR-Grenzanlagen, des so genannten Todesstreifens.
  • Kirchenbauten gelten als die architektonischen Friedenssymbole der christlichen Welt schlechthin. Ihr Inneres, ob in prachtvollem Glanz oder harmonischer Schlichtheit, soll den Menschen ein Raum sein zur inneren Einkehr und zum Gebet für Frieden in jeder Hinsicht - mit Gott, sich selbst und den Mitmenschen. Am Tag des offenen Denkmals bietet es sich an, sich mit der architektonischen Umsetzung des Themas Frieden in und an Kirchenbauten zu beschäftigen.
  • Im Mittelalter boten viele Gotteshäuser, die oft die einzigen Steinbauten in den Dörfern waren, als so genannte "Wehrkirchen" oder "Kirchenburgen" der Landbevölkerung Schutz. Diese Kirchen zeichnen sich oft durch eine besonders stark befestigte Friedhofsmauer und einen massiven Kirchturm mit schießschartenartig verkleinerten Fensteröffnungen aus.
  • Friedhöfe stehen für viele als Sinnbilder für den ewigen Frieden. Viele Gräber werden als letzte Ruhestätten bis heute mit Friedenssymbolen, wie beispielsweise Engeln, geschmückt. Am Denkmaltag lohnt es, sich einmal unter diesem besonderen Blickwinkel des ewigen Friedens mit historischen Friedhofsanlagen und alter Grabplastik auseinander zu setzen.
  • Auch Kriegsgräberfelder aus den beiden Weltkriegen und alle Kriegsmahn- und -denkmale gehören zum Themenkomplex. Das Thema "Krieg und Frieden" ist auch hier sehr gut fassbar. Denkbar wären Führungen zu verschiedenen Denkmalen dieser Gruppe. Dort könnte auch erörtert werden, wie sich die geschichtliche Deutung einiger Denkmale, wie zum Beispiel der Siegessäule in Berlin oder des Hermannsdenkmals in Detmold, im Laufe der Jahre gewandelt hat.
  • In manchen Städten und Kommunen befinden sich Stätten historischer Friedensschlüsse. Die Rathäuser von Münster und Osnabrück stehen etwa für den Westfälischen Frieden von 1648. Historische Bauten bildeten auch die Kulisse für die entscheidenden Nachkriegsberatungen: So war Schloss Cecilienhof der Ort des Potsdamer Abkommens der Siegermächte nach dem Zweiten Weltkrieg.
  • Die Frage, in welchen Fällen historische Kriegsschauplätze und Schlachtfelder unter Denkmalschutz zu stellen sind und aus welchen Gründen kann ein Thema sein. Zum Beispiel lässt sich bei Führungen diskutieren, ob etwa Spuren des Häuserkampfes in Berlin erhaltenswert sind oder ob aus Gründen des Gedenkens geschichtsträchtige Schlachtfelder als Bodendenkmale geschützt werden sollen.
  • Vor allem im 19. Jahrhundert waren die massiven Verteidigungsanlagen in den rasch wachsenden Städten einer weiteren Ausdehnung im Weg. Zudem erschienen sie wegen der fortgeschrittenen Technik oft auch militärisch als nicht mehr von Bedeutung. Das Schleifen der alten Befestigungsanlagen, das so genannte Entfestigen ermöglichte neben dem Anschluss an moderne Verkehrstechnik, wie die Eisenbahn, den Bau großzügiger Wohnviertel und Grünflächen.
Wie hat sich die Stadt oder der Ort in dem Sie den Tag des offenen Denkmals begehen durch die Jahrhunderte unter den Einwirkungen von Krieg und Frieden entwickelt? Gab es Zeiten, in denen die Region einen besonders langen Frieden erleben durfte und woran ist das heute sichtbar? War Ihre Stadt in vergangenen Jahrhunderten aus besonderen Gründen lange belagert oder bedroht? War sie von besonderer militärischer Bedeutung? Wie wirkte sich das auf das bauliche Erscheinungsbild Ihres Wohnorts aus? Vor dem Hintergrund all dieser Fragen und Aspekte können Sie den Tag des offenen Denkmals gestalten.

Datum und Themen der vergangenen Jahre
2017 10. Sept. Macht und Pracht
2016 11. Sept.Gemeinsam Denkmale erhalten
2015 13. Sept. Handwerk, Technik, Industrie
2014 14. Sept.Farbe
2013 08. Sept.Jenseits des Guten und Schönen: Unbequeme Denkmale?
2012 09. Sept.Holz
2011 11. Sept.Romantik, Realismus, Revolution. - Das 19. Jahrhundert
2010 12. Sept.Kultur in Bewegung - Reisen, Handel und Verkehr
2009 13. Sept.Historische Orte des Genusses
2008 14. Sept.Vergangenheit aufgedeckt - Archäologie und Bauforschung
2007 09. Sept.Orte der Einkehr und des Gebets - Historische Sakralbauten
2006 10. Sept.Rasen, Rosen und Rabatten - Historische Gärten und Parks
2005 11. Sept.Krieg und Frieden
2004 12. Sept.Wie läuft's? - Schwerpunktthema Wasser
2003 14. Sept.Geschichte hautnah: Wohnen im Baudenkmal
2002 08. Sept. Ein Denkmal steht selten allein: Straßen, Plätze und Ensembles
2001 09. Sept. Denkmal als Schule - Schule als Denkmal
2000 10. Sept. Alte Bauten - Neue Chancen
1999 12. Sept. Europa - ein gemeinsames Erbe


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