Thema am 8. September 2019

Modern(e): Umbrüche in Kunst und Architektur

„Es hat keine Epoche gegeben, die sich nicht im exzentrischen Sinne ‚modern‘ fühlte“.
(Walter Benjamin, Das Passagen-Werk)

Modern – Moderne – Umbrüche

Belegt ist der Begriff „modernus“ seit dem 5. Jahrhundert. Verwendet wird er dann, wenn sich das Selbstverständnis einer Epoche oder der Gesellschaft verändert und sich von Vorgängern absetzt. Ein Umbruch bricht mit tradierten Vorstellungsweisen, Techniken, Erklärungsmodellen und praktischen Umsetzungen. In jedem Umbruch steckt daher etwas Neues, Revolutionäres, Fortschrittliches – und etwas Modernes.

Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums des Bauhauses laden wir Sie dazu ein, den Blick auf alle revolutionären Ideen oder technischen Fortschritte über die Jahrhunderte zu richten: Gehen Sie der Frage nach, wie diese Umbrüche neue Kunst- und Baustile herbeiführten, die somit Zeitzeugnisse der jeweiligen gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Gegebenheiten darstellen. Unabhängig von Denkmalgattung, Zeit und Ort – Umbrüche sind überall zu finden. 

Die Klassische Moderne und das Bauhaus

Das Bauhaus steht mit seiner ideellen und ästhetischen Ausrichtung als Paradebeispiel für das „Moderne“ und vor allem für den Umbruch. Gegründet 1919 von Walter Gropius, existierte das Bauhaus gerade einmal vierzehn Jahre, bis es 1933 schließen musste. Dennoch wurde es zu einer der prägendsten Schulen für Architektur, Kunst und Design im 20. Jahrhundert. Lyonel Feiningers „Kathedrale der Zukunft“, das Titelbild des Bauhaus Manifests, symbolisiert die neue Ausrichtung: Hier steht die gotische Kathedrale mit den mittelalterlichen Bauhütten für die Vereinigung der getrennten Künste, denn genauso wie dort wollte das Bauhaus diese wieder zusammenbringen, um zu einer neuen umfassenden Formgebung zu gelangen. Einher gingen diese Bestrebungen mit gesellschaftlichen Vorstellungen von Internationalität und Gleichheit aller. Erschaffen werden sollten Gesamtkunstwerke, an denen alle Gewerke mitarbeiteten, sowie eine Kunst, die gesellschaftlichen Aufgaben diente. Das Bauhaus schloss sich damit an Reformbewegungen, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts aufkamen, an.

In der Architektur und bildenden Kunst konnte diese Neuausrichtung in Bildung und Gestaltung nicht mit dem bestehenden Formenkanon umgesetzt werden. Daher orientierte sich die Architektur nicht mehr an den bekannten Formen, sondern suchte neue Inspirationsfelder. So galt die Maschine als Vorbild und ihre Charakteristika – wie Standardisierung, Massenproduktion und Funktionalität – wurden auf den Entwurf übertragen. Ebenso wurde mit neuen Materialien experimentiert, mit Beton und Stahl, die ganz neue Möglichkeiten mit sich brachten. Gestalterisch zeigt sich die neue Formensprache in klaren geometrischen Formen, im Verzicht auf Ornamente, im Flachdach und einem offenen und freien Grundriss.

Mehr als Klassische Moderne

Nicht nur die Kunst und Architektur des frühen 20. Jahrhunderts kann als modern bezeichnet werden. In nahezu jeder Epoche der Kunst-, Architektur- und Kulturgeschichte zeigen sich Umbrüche, die – in enger Verzahnung mit der Technik- und Wissenschaftsgeschichte – ein modernes Verständnis begründen, wie die folgenden Beispiele zeigen. 

Von der Romanik zur Gotik – Epochenumbrüche

Der Übergang von der Romanik zur Gotik zeigt deutlich einen Bruch mit vorherigen Bautraditionen. Neues technisches Wissen ermöglicht neue und innovative Konstruktionen und Entwürfe. So wird im Kirchenbau der massive Quaderbau der Romanik mit seinen kleinen Rundbogenfenstern in der Gotik vom feingliederigen Skelettbau mit Spitzbögen und Kreuzrippengewölbe abgelöst. Da Strebepfeiler die tragende Funktion übernehmen, werden Wände durchbrochen und durch Maßwerkfenster gestaltet. Die leichtere Konstruktion ermöglicht gleichzeitig höhere Bauten. 
Die sich anschließende Renaissance greift auf Werte und Kenntnisse der Antike zurück. Gestaltungselemente wie Säulenordnung, Ornamentik, geometrische Formen und die Kuppel prägen die Bauten dieser Epoche, kirchliche wie weltliche. Proportion, Symmetrie, Harmonie und die räumliche Perspektive, also mathematisch-wissenschaftliche Prinzipien, zeichnen die Formensprache aus. So gilt für alle Epochen: Sie brechen mit überkommenen Bautraditionen und bringen immer auch Neues, Modernes hervor.

Horizontale vs. vertikale Stadt – Material und neue Bautypen

Ein ähnliches Phänomen zeigt sich 600 Jahre später. Die Weiterentwicklung von industriellem Stahl im 19. Jahrhundert schafft neue technische Möglichkeiten, gleichzeitig fordern die Materialeigenschaften des Stahls neue technische Anwendungen. So können durch die Entwicklung vom Mauerwerksbau zur Skelettbauweise neue Höhen in der Architektur erreicht werden. Es entstehen die ersten Hochhäuser in Chicago und mit ihnen die moderne Stadt, die sich nicht nur horizontal, sondern auch vertikal ausbreitet. Neben der Verwendung von Stahl war die die Weiterentwicklung der Fahrstuhltechnik für diesen Umbruch notwendig. Ein frühes deutsches Beispiel stellt das Hansahochhaus in Köln von 1924/25 dar (Architekt Jacob Koerfer).

Das Warenhaus – Gesellschaftliche Umbrüche

Umbrüche zeigen sich neben den technischen Entwicklungen der Materialien und ihrer statischen Möglichkeiten auch in der Gesellschaftsentwicklung und ihren neuen Anforderungen an die Architektur. Im 19. Jahrhundert entsteht in Metropolen eine neue Bautypologie, die der modernsten Großvertriebsform des Einzelhandels entspricht: das Warenhaus. Ausgehend von französischen überdachten Einkaufspassagen, entwickelte sich das Warenhaus als Konsumtempel für alle Schichten und mit einem Warenangebot aus allen Kulturen. Klassisch gegliederte Fassaden, die Verwendung von kostspieligen Materialien wie Stuck und Marmor oder repräsentative Treppen prägen die ästhetische Formensprache und werden der neuen Bauaufgabe gerecht. Ob „Le Bon Marché“ in Paris (1852), das „Warenhaus Wertheim“ in der Leipziger Straße in Berlin mit seinem imposanten Lichthof (1897) oder das „KaDeWe“ in Berlin (1907), sie alle verkörpern ein neues Konsum- und Lebensgefühl. Nach dem Zweiten Weltkrieg kommt es in der Warenhaus-Architektur zu einem erneuten Umbruch. Hier sind es fensterlose, offene Räume, die nach außen verblendet sind, die die Fassade prägen und eine Konzentration auf die Ware evozieren, abgewendet von der Stadt. Prominentestes Beispiel ist hierbei die Horten-Kachel, die gleichzeitig die Funktion einer Förderung der Corporate Identity übernehmen sollte. 

Entdecken Sie Umbrüche Ihres Denkmals

„Modern(e): Umbrüche in Kunst und Architektur“ als Motto des Tags des offenen Denkmals 2019 schließt sich an das Bauhaus-Jubiläum an. 2019 jährt sich die Gründung des Bauhauses zum 100. Mal  und damit auch der wichtigste künstlerische Umbruch des 20. Jahrhunderts, der das künstlerische Denken und Schaffen weltweit revolutionierte und bis in die Gegenwart wirkt. 
Doch es zeigt sich, Umbrüche und moderne Charakteristika sind überall zu finden. Daher laden wir Sie ein, alle Umbrüche und das Moderne in historischen Bauten, Parks und archäologischen Stätten von der Antike bis zur Klassischen Moderne und darüber hinaus bis heute zu entdecken und Ihren Besuchern am Tag des offenen Denkmals 2019 nahezubringen. 

 Für Sie als Veranstalter

Gehen Sie als Denkmalschützer und Veranstalter der Frage nach, wann Ihr Denkmal modern war und woran zu erkennen ist, dass es Zeitzeuge eines Umbruchs ist! Umbrüche zeigen sich durch die Jahrhunderte in bildender Kunst und Architektur. Dabei können sie auf unterschiedliche Aspekte bezogen sein:

Wandel der Architektenrolle

Der Beruf des Architekten hat durch die Jahrhunderte starke Veränderungen durchlebt, vom Baumeister über den Baukünstler bis zum Architekten, der sich ab dem 19. Jahrhundert die Bauaufgaben mit dem Bauingenieur teilt. Doch auch das Selbstverständnis des Architekten veränderte sich über die Jahrhunderte. Aus der Romanik z. B. sind kaum Architekten bekannt, in der Gotik hingegen zeigt das Beispiel der Architekten-Büste Peter Parlers am Prager Dom den Wandel und das neue Selbstbewusstsein des Architekten, der sich ins eigene Werk einschreibt. Die Entwicklung zu den Künstler-Architekten der Renaissance zeichnet sich hier bereits ab.

Materialverwendung/-entwicklung und technische Fortschritte

Ob Holz, Stein, Stahl, Beton oder Kunststoff, jedes Material bringt aufgrund seiner technischen Fähigkeiten neue, andere bauliche Entwürfe hervor – und ermöglicht neue Wege. Ein Baustil kann auch über das Baumaterial definiert sein, wie z. B. in der Backsteingotik. Spannend ist daher auch die Frage, wie neue Entwicklungen mit regionalen Materialien umgesetzt wurden.

Wechsel der Auftraggeber und neue Typologien

Durch geschichtliche und gesellschaftliche Umwälzungen und Wechsel der Auftraggeber ändern sich auch die Bauaufgaben. Vom Herrscher, der repräsentative Bauten planen lässt, über die Stadt, die Gemeinschaftsbauten benötigt für Versammlungen, Freizeitgestaltung, Kultur etc., bis hin zu Privatleuten, die den Auftrag erteilen – immer verändert sich die entsprechende Typologie und ihre ästhetische Form. Das Spektrum der Bauaufgaben weitet sich aus, einige fallen weg (z. B. Festungsbau), andere kommen hinzu (z. B. Warenhaus, Theater, Kino).

Neue denkmalgerechte Nutzungen

Umbrüche lassen sich ebenfalls am Wandel der Nutzung über die Jahrhunderte erkennen. Zeitgenössische Beispiele zu Nutzungsänderungen sind die Umnutzung von Kirchen zu z. B. Kultur- und Veranstaltungsorten, Umbauten von Fabrik- und Werksgeländen zu neuen Stadtquartieren, der Umbau von Warenhäusern zu Büro- und Wohnbauten u. v. m.

Wandel in der Forschung

Auch in der Erforschung von Denkmalen finden Umbrüche statt, die unser Verständnis prägen. In der Archäologie z. B. gab es in den vergangenen Jahrhunderten markante Einschnitte: So wurden seit den 1890er-Jahren nicht mehr nur Überreste von Steinbauten erforscht, durch die Ermittlung von Erdverfärbungen konnten nun auch oberirdische Holzbauten entdeckt werden (z. B. Römerlager Haltern). 
In der modernen archäologischen Forschung ist die Entwicklung und Verfeinerung der zerstörungsfreien Untersuchungsmethoden ein weiterer Meilenstein: Mittels technischer Fortschritte (Geoelektrik, Geomagnetik, Scan-Verfahren) können großflächige bauliche Strukturen im Erdboden und in bewaldeten Regionen untersucht werden, ohne die Substanz zu beschädigen (wie z. B. am keltischen Fürstensitz Glauberg).

Weiterer Bezug: „Arts & Entertainment“

Das Motto 2019 lädt auch dazu ein, Bezüge zum europäischen Thema „Arts & Entertainment“ der European Heritage Days, die unter der Schirmherrschaft des Europarats stehen, herzustellen. In welchen Künsten neben Architektur und bildender Kunst gab es Umbrüche, die etwas mit Ihrem Denkmal zu tun haben? Zusammenhänge aus den Bereichen Theater, Literatur und Musik sind ebenso denkbar.

Wir freuen uns auf Ihre Aktionen am Tag des offenen Denkmals 2019!