Die Akte: Barockes Barth
Vom Schandfleck zum Schmuckstück

vom Team Tag des offenen Denkmals am 08. September 2022

Dieser Fall führt uns in den hohen Norden nach Barth, eine idyllische Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern 30 km westlich von Stralsund. Durch ihren Charme einer mittelalterlichen Hafen- und Handelsstadt zieht sie heute viele Touristen an, die das historische Ambiente des Ortes genießen. Die Fischerstraße, die direkt vom Hafen zum Marktplatz, dem Zentrum des Ortes, führt ist geprägt von hübschen alten Fachwerk-, Backstein- und Putzbauten. Doch ein Gebäude fällt aus dem Raster des Idylls: Das heruntergekommene barocke Wohn- und Geschäftshaus mit der Hausnummer 10.

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Beweise einer prachtvollen Zeit

Die graue verschmutzte und mit Graffiti beschmierte Fassade fällt sofort ins Auge. Doch bei genauerer Betrachtung fallen einige interessante Details auf, die man nicht erwartet. Das schlichte Stuckgesims oberhalb des Erdgeschosses oder beispielsweise die alten Holzfenster mit ihren filigranen Sprossen sind Hinweise auf die frühere Erscheinung des Hauses. Wer hier wohl schon alles auf das Treiben der Straße heruntergesehen hat? Ein weiteres Beweisstück aus der Erbauungszeit des Gebäudes ist die reich geschmückte zweiflügelige Eingangstür. Mit ihren Kassetten und dem floralen sowie zahnschnittartigen Dekor lässt sich die einstige Pracht des Hauses erahnen. „Es gibt viele schöne Details, wie die barocken Türen und Türzargen sowie die alten Fenster. Die Tatsache, dass alle Zugangstüren aus der Erbauungszeit noch vollständig erhalten sind, inklusive Beschlägen und zum Teil den Kastenschlössern ist einzigartig!“ erklärt Barbara Wunsch von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, die die Instandsetzung des Denkmals betreut „Mein persönliches Highlight sind die Fensterläden des Anbaus mit den verspielten kleeblattförmigen Lichtaussparungen!“

© Barbara Wunsch/Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Spurensicherung hinter der Fassade

Von lautem Knarzen der Eingangstür begrüßt, geht die Spurensuche weiter ins Innere des Hauses. Hier erwarten uns noch mehr Kulturspuren. Reste unterschiedlicher Wandgestaltungen zeugen einerseits vom Gestaltungssinn der Zeit und der früheren Bewohnerinnen und Bewohner, andererseits von den unterschiedlichen Techniken, die zum Einsatz kamen. „Bei der restauratorischen Befund-untersuchung kamen unter anderem Reste von Schablonenwandmalerei zutage, in einem Raum mit Stuckdecke eine marmorierte Putzfläche.“ so Wunsch „Die Putzfläche und ein Brüstungsfeld wurden von einem Restaurator gesichert, indem sie mit Japanpapier fixiert wurden, damit der Putz nicht abfällt. Die ersten besonders erhaltenswerten Tapetenreste wurden vom Restaurator bereits abgenommen, um sie vor einer weiteren Zerstörung zu schützen.“

Auch hauswirtschaftliche Elemente des Baus, wie originale Kachelöfen zur Beheizung der Räume haben sich erhalten. Diese werden ebenfalls restauriert. Im Anbau befindet sich noch ein Räucherofen, in dem vermutlich frische Fische aus der Ostsee geräuchert wurden. Aber was ist dort noch zu erkennen? Vom Erdgeschoss bis in den Dachstuhl hinein sind Luken zu finden, durch die eine Seilwinde gezogen werden kann. Wurde das Haus etwa doch nicht nur zu Wohnzwecken genutzt?

 

Vom Lagerhaus zum Wohn- und Geschäftshaus

Die Bausubstanz verrät, welche Nutzungen sie schon durchlaufen hat, man muss die Spuren nur lesen können. „Die Güterseilwinde unter dem First und die zugehörigen Güterluken sind noch aus der ursprünglichen Nutzung des Gebäudes als Lagerhaus vorhanden.“ klärt Barbara Wunsch auf „Um diese erhaltenswerten Spuren der Geschichte des Hausen zu erhalten, sollen die Luken mit Brandschutzglas ertüchtigt und die Güterseilwinde ausgebaut, überarbeitet und ergänzt und wieder eingebaut werden.“

Dass das ehemalige Lagerhaus aus der Zeit des Barock stammt wurde im Rahmen der umfangreichen Befunduntersuchung mittels der Dendrochronologie festgestellt. An geeigneten Stellen im Haus wurden aus den Holzbalken Proben entnommen und anhand der Jahresringe untersucht in welchem Zeitraum der Baum gewachsen beziehungsweise gefällt worden ist. Durch diese Methode konnte auch festgestellt werden, dass der hintere Teil des Hauses erst einige Jahrzehnte später angebaut wurde. 

© Barbara Wunsch/Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Vom Schandfleck zum Schmuckstück

Seit September 2020 ist die Deutsche Stiftung Denkmalschutz Eigentümerin dieses spannenden „Tat-Orts“. Das Gebäude soll bald wieder in neuem alten Glanz erstrahlen und für künftige Generationen gesichert werden. Die Instandsetzung des Denkmals steht noch ganz am Anfang doch ein zukünftiges Nutzungskonzept gibt es bereits und soll dem von früher möglichst nahe kommen. Eine Mischung aus Wohn- und Wirtschaftsraum soll entstehen. Die oberen Geschosse sollen mit Miets- und Ferienwohnungen belebt werden, im Erdgeschoss zudem Platz für Einzelhandel und Handwerk eingerichtet werden.  

 

© Barbara Wunsch/Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Aber nicht nur die Deutsche Stiftung Denkmalschutz engagiert sich bei diesem Projekt erklärt Frau Wunsch: „Viele Bürger der Stadt sind bis heute mit dem Denkmal verbunden – sei es, weil sie einmal dort gelebt haben oder weil sie jemanden kennen oder mit jemandem verwandt sind, der einmal hier gelebt hat. Interesse am Projekt, Zuspruch und Unterstützung sind entsprechend hoch.“ 

 

 Programm zum Tag des offenen Denkmals

Am Tag des offenen Denkmals sind ausgewählte Räume des Wohn- und Geschäftshauses für Besucherinnen und Besucher zugänglich. Außerdem sind die Expertin Barbara Wunsch, Vertreter des Barther Heimatverein e.V. sowie Vertreter des planenden Architekturbüros vor Ort, informieren über das Objekt und geben Führungen durch das Haus.