„Die Akte: Häuslingshaus Langwedel“
Auf den vergessenen Spuren ländlichen Lebens

vom Team Tag des offenen Denkmals am 01. August 2022

In Niedersachsen startet die Spurensuche: Die Kulturspur führt zum „Tat-Ort“ Langwedel im Landkreis Verden (NI). Am historischen Mühlenbach mitten im Grünen steht ein Fachwerkhaus, das sein Erscheinungsbild in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder verändert hat. Doch was ist hier passiert und was macht dieses Haus so einzigartig?

Previous
Next

Alles unter Dach und Fach – eine kurze Bestandsaufnahme

Dem geschulten Auge wird sofort klar: Es handelt sich bei diesem Objekt um ein sogenanntes „niederdeutsches Hallenhaus“, einen Fachwerkbau mit weit heruntergezogenem Krüppelwalmdach und einer Zweiständerkonstruktion. Über das große Tor an der Haupt-Giebelseite wird die mittig gelegene Diele betreten. In der Vergangenheit lebten hier Tier und Mensch unter einem Dach. 1842 wurde das Gebäude in Langwedel um ein zusätzliches Fach, also um zwei Meter, in Südrichtung zur Straße hin verlängert und der Südgiebel mit großem Dielentor neu errichtet. Der Flettbereich, die sogenannte Küchennische sowie Wohn- und Wirtschaftsraum – das alles unter einem Dach und in diesem Zustand erhalten machen das Häuslingshaus in Langwedel zu einem Objekt voller Kulturspuren. 

Das profane Landleben im Fokus

Doch was genau hat die Bezeichnung „Häuslingshaus“ zu bedeuten? Hinter dem Begriff versteckt sich ein Stück ländliche Kulturgeschichte.  „Häuslinge“ waren Landarbeiterinnen und Landarbeiter auf einem Gutshof, die mietfrei oder gegen geringen Mietzins als Arbeitskräfte ein eigenes Wohnhaus zur Verfügung gestellt bekamen und im Dienste eines Bauern arbeiteten. Mit dem Ende der Grundherrschaft im 19. Jahrhunderts verloren Häuslingshäuser vielerorts ihre Funktion und wurden umgenutzt oder abgebrochen. Umso wertvoller ist das Objekt in Langwedel, das dank des besonderen Einsatzes des Kulturvereins Langwedel und seines Schutzstatus als Kulturdenkmal historisch konserviert und restauriert werden konnte.

Dr. Wolfgang Ernst, der sich zusammen mit dem Langwedeler Kulturverein für den Erhalt dieses Hauses einsetzt, ermittelt schon lange in diesem außergewöhnlichen „Fall“: „Einzigartig im Raum Niedersachsen sind die konservierten Farbfassungen und deren Erhalt in einem Haus der niederbäuerlichen Gesellschaftsschicht – genauso auch die Küchennische, mit der Lebens- und Kulturspuren gesichert werden konnten.“ Bereits seit mehr als 250 Jahren steht dieses Haus in dem kleinen beschaulichen Ort. Wir schauen uns diesen „Fall“ einmal genauer an.

Schichtweise zurück in die Vergangenheit

Über die Jahre waren das Dach und der Südgiebel mit seinem Tor an die Wohnbedürfnisse des 20. Jahrhunderts angepasst worden. Davon ist heute nichts mehr zu erkennen, denn durch die Initiative des Langwedeler Kulturvereins wurde das Gebäude wieder in den baulichen Zustand von 1842 versetzt. Dank privater Spenden und der Unterstützung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz konnte dies ermöglicht werden. So kann man heute durch die rekonstruierte Fußgängertür im großen Tor in die Diele eintreten. Von hier aus wandert der Blick durch den großen und offen gestalteten Innenraum. Kleine Fenster lassen Licht hinein und die Farbpigmente an der Wand zur Kammer aufleuchten. Ein regelrechter „Flickenteppich“ an Farben lässt sich hier erkennen. Die verschiedenen Farbschichten, Risse und der abgeblätterte Putz sind Beweise jahrhundertelanger Nutzung des Hauses und geben Aufschluss über die unterschiedliche Gestaltung des Raums. Um all diese Zeitschichten zu sichern, wurde nicht nur ein Wanddekor restauriert, sondern alle Farbschichten gefestigt, fixiert und so für viele weitere Jahre konserviert.

© Roland Rossner/Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Seltener Einblick: Herzstück mit „dunkler“ Vergangenheit

Doch was verbirgt sich hinter dieser „Farbwand“? Durch einen einfachen Vorhang geht es in eine der drei hinteren Kammern des Hauses – in das „dunkle“ Herzstück. Im sogenannten Flettbereich ist eine Brandmauer zu erkennen, die deutliche Nutzungsspuren der Vergangenheit trägt. Was hat das mittlerweile zugemauerte Loch im Mauerwerk zu bedeuten? Und weshalb sind dort schwarze Rückstände an der Wand?

Wenn die Wände sprechen könnten, würden sie von einer belebten Vergangenheit erzählen. Der Klang von Töpfen, klingenden Gerätschaften und brodelndem Kochfeuer und das Knistern und Rauchen des offenen Feuers erfüllten diese Küchennische mit Leben. 

 

„Das zugemauerte Loch war der Zugang zur Befeuerung eines Hinterladerofens von der Küchennische in eine dahinterliegende Kammer. Durch das obere Loch wurde der entstandene Rauch in die Küchennische zurückgeführt und von dort mehr oder weniger gut nach außen abgeleitet“, erklärt Dr. Wolfgang Ernst. Im 19. Jahrhundert wurde die vorher offene Küchennische zugemauert, sodass der Rauch nicht mehr in die große Diele zog.

Kulturspuren - Konservierung als Methodik  

Bei genauerer Untersuchung der zahlreichen Abnutzungen der Steine im Gemäuer und der Rußspuren wird deutlich, dass hier ein Teil des inneren Kerns des Hauses in seinem früheren Zustand erhalten geblieben ist. Dank der Restaurierung mit historischen Materialien und der Konservierung alter Bausubstanzen ist heute noch sichtbar, wie das Landleben vor hunderten von Jahren stattgefunden hat.

Bei einer restauratorischen Befunduntersuchung im Jahr 2011 wurden die Farbschichten im Flettbereich entdeckt und konserviert, insgesamt 23 verschiedene. Der historische Wert des Gebäudes wurde nach den Untersuchungen offenkundig und das Langwedeler Häuslingshaus daraufhin vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege als Kulturdenkmal eingestuft.

Ab 2011 gehörte das Langwedeler Häuslingshaus zu den Förderprojekten der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Die denkmalgerechte Instandsetzung des Gebäudes war dringend notwendig, da die Schäden teils gravierend waren. Seit 2013, nach vier Jahren Bauzeit, erstrahlt das Häuslingshaus in dem kleinen Ort aber wieder in altem Glanz.

Wolfgang Ernst kennt jedoch die skeptischen Blicke auf die „unfertigen“ konservierten Kulturspuren des Hauses und bemerkt häufig Unverständnis, wenn es um den Zustand im Inneren geht. „Diese Details lassen in besonderer Weise eine in heutiger Zeit kaum nachvollziehbare Lebensform der niederbäuerlichen Gesellschaftsschicht sichtbar werden“, führt er daraufhin aus. Mittlerweile stellt er fest, dass es dank der überregionalen Unterstützung auch innerhalb der Gemeinde mehr Akzeptanz gibt und ein Bewusstsein für die hier wertvollen Kulturspuren.

Das Häuslingshaus ist ein Zeitzeuge der Lebensweise der einfachen Landbevölkerung. Wie hier gelebt und gearbeitet wurde, lässt sich heute dank des Engagements der Ehrenamtlichen des Kulturvereins hautnah erleben.

Programm zum Tag des offenen Denkmals

Zum Aktionstag können Besucherinnen und Besucher diese besonderen Kulturspuren selbst entdecken. In einem Vortrag werden die Recherche-Ergebnisse präsentiert. Welche Bewohner in „grauer Vorzeit“ lebten im Haus, und welchem sozialen Stand gehörten sie an? Familienstammbäume, Kaufverträge, Eheversprechen und mehr geben Aufschluss darüber. Eine audiovisuelle Präsentation informiert zusätzlich über das Häuslingshaus und seinen Denkmalwert

© Roland Rossner/Deutsche Stiftung Denkmalschutz