„Das Depot Historische Baustoffe ist ein beredtes Zeugnis zur aktiven Ressourcenschonung.“

Aufbewahren für die Wiederverwendung – deutschlandweit stellen verschiedene Depots historische Baumaterialien zur Verfügung. Das Depot Historische Baustoffe in Quedlinburg ist ein Beispiel und in seinem Umfang und der kostenfreien Bereitstellung einmalig in Deutschland. Mit Horst Schöne, dem Leiter des städtischen Depots, sprachen wir über die Gründung, die Materialrettung im Alltag und welche Bauelemente besonders gefragt sind.

vom Team Tag des offenen Denkmals am 20. April 2020

Innentüren
Innentüren im Depot Historische Baustoffe © Horst Schöne

In welchem Kontext wurde das Depot Historische Baustoffe gegründet?

Mit einem Grundstock von 300 Türen, die schon zu DDR-Zeiten die Werkstätten für Denkmalpflege GmbH bargen und aufbewahrten, wurde das Depot Historische Baustoffe der Stadt Quedlinburg 1993 als Aufbewahrungsort gegründet. Seitdem betreue ich das städtische Depot mit all seinen Schätzen. Türen, Fenster, Mauersteine, Sandsteine, Dachziegel und Altholz konnte ich über die Jahre sammeln, verwahren und zum Wiedereinsatz bringen. Ein Bestand aus rund 1.200 historischen Türen ist beispielsweise digital katalogisiert, sodass gezielt nach Bedarf, Maß, Bauart und Baustil die Bereitstellung des Materials kurzfristig erfolgen kann. Aktuell liegt der Bestand bei rund 1.300 Türen, 218.000 Dachziegeln, 18.000 Mauersteinen, 400 m³ Sandsteinen, 50 m³ Holzbalken, Dachlatten und Brettern verschiedener Abmessungen und vielen weiteren Baumaterialien. Natürlich stammen diese Materialien nicht selbst aus Quedlinburg, denn hier sollen sie in den Sanierungsobjekten bewahrt bleiben. Größtenteils stammen sie aus benachbarten Städten und Dörfern.

Horst Schöne, Leiter des Depots Historische Baustoffe der Stadt Quedlinburg, ist gelernter Diplom-Ingenieur für Hochbau. 1971 zunächst im Wohnungsbau tätig, führte ihn sein Weg nach der Wende ins Hochbauamt über die Stadtsanierung und befasst sich jetzt mit Sonderaufgaben Bau.

 

© Horst Schöne

Und zu was für Gebäuden gehörten diese Materialien ursprünglich?

Das Material stammt aus Scheunen oder Wohngebäuden, die nicht mehr zu halten waren. Vor der Bergung sehe ich mir natürlich den Zustand des jeweiligen Baumaterials an, um diese baufachlich einzuschätzen, damit auch eine Weitergabe und ein Wiedereinsatz möglich ist. Bei Dachziegeln führe ich beispielweise eine Klangprobe durch. Dabei halte ich den Dachziegel mit der einen Hand so an der Ziegelnase, das er „frei schwingt“, mit den Fingerknochen der anderen Hand schlage ich danach leicht gegen die herunterhängende Dachziegeloberfläche. Erklingt ein heller toniger Klang, dann ist er intakt. Wenn der Ziegel z. B. einen Riss hat, somit nicht weiterverwendbar ist, klingt er dumpf– ein Vorgehen, dass ich mir um sicher zu gehen, immer zu nutzen gemacht habe. 

Werden Bauelemente aus Gebäuden, die nicht mehr gerettet werden können, gezielt bei Ihnen abgegeben oder begeben Sie sich selbst auf die Suche?

Durchschnittlich 50 bis 60 Anträge für die Wiederverwendung historischer Baustoffe bearbeite ich pro Jahr mit steigender Tendenz – viele Anträge kommen auch von jungen Familien. Ebenso viele „Abgaben zu treuen Händen“ an unser Depot von Dritten sind auch zur Bestandsaufstockung an das Depot zu verzeichnen. Für die Bergung der Baustoffe waren eine Vielzahl von Bergungseinsätzen notwendig. Hierbei bekomme ich oft Unterstützung der Grundstückseigentümer, die das Material zur Verfügung stellen. Denn für die Demontage der Bauelemente sind die Eigentümer selbst oder deren beauftragte Handwerker verantwortlich. Vor der Demontage nehme ich jedoch die Bauelemente in Augenschein. Für die Depotbetreuung stehen mir 7 % meiner Arbeitszeit zur Verfügung. Das reicht auch aus, denn den notwendigen „Rest“ der für Akquise, manuelle Bergung, Transport und Einlagerung erforderlich ist, mache ich in meiner Freizeit, auch am Wochenende.

Welches Bauelement wird am häufigsten bei Ihnen angefragt?

Innen- und Außentüren sowie Dachziegel und Steine sind vielgefragte Baumaterialien. Rund 750 Innen- und Außentüren konnten in insgesamt 270 Objekten wieder in Einsatz gebracht werden. Für ca. 8.000 m2 Dachfläche kamen 128.000 Stück Dachziegel zum Wiedereinsatz und rund 250 m3 Sandsteine wurden unter anderem in der Quedlinburger Stadtmauer und der Schlossbergsanierung weiterverwendet. Gefragt sind außerdem viele andere Kleinmaterialien.

Der Tag des offenen Denkmals steht 2020 im Zeichen der Nachhaltigkeit. Denkmalpflege und Nachhaltigkeit – was bedeutet das für Sie?

In meiner mittlerweile über 49 Jahre langen beruflichen Tätigkeit auf dem Bau ist es mir schon immer wichtig, Geschaffenes zu pflegen und zu bewahren, um es der Nachwelt zu überliefern. Nur Heb-auf hat was, Schmeiß-weg hat nichts: diesen Leitsatz habe ich mir zu Eigen gemacht. Das Depot Historische Baustoffe dient in doppelter Hinsicht zur materiellen Förderung von Sanierungsvorhaben. Alle Materialien werden kostenlos in der Welterbestadt Quedlinburg, den Ortschaften Stadt Gernrode und Bad Suderode Eigentümern zur Verfügung gestellt – und das Material wird wiederverwendet. Das Depot ist damit ein beredtes Zeugnis zur aktiven Ressourcenschonung.

Welche Wünsche haben Sie für die Zukunft des Depots?

Das Depot Historische Baustoffe der Welterbestadt Quedlinburg ist seit 2012 als bewegliches Kulturdenkmal (Sammlung) in das Denkmalverzeichnis des Landkreises Harz eingetragen und wird als Durchgangsmagazin geführt. Es handelt sich bei den historischen Baustoffen, die über öffentlich geförderte Maßnahmen geborgen werden, um unverkäufliche Materialien. Denn diese Bauelemente sind unwiederbringliches Kulturgut und spiegeln allesamt 700 Jahre Bau- und Handwerksgeschichte wider.

Da das Depot in der mittlerweile über zweieinhalb Jahrzehnte praktizierten Form nachweisbar ist, wurde es in den letzten Jahren von einer Vielzahl von Presse- und Rundfunkvertretern besucht und publik gemacht. Selbst ein aus Japan stammendes in Quedlinburg tätiges Fernsehteam hat über das Depot berichtet, was mich sehr stolz gemacht hat. Eine erhöhte Resonanz zum Wiedereinsatz von Historischen Baustoffen und Baumaterialien ist außerdem zu verzeichnen und kann nur in dieser sich bewährten Form sichergestellt werden. Ich wünsche mir, dass es nach meinem Ausscheiden in den Ruhestand weitergeführt wird. Und auch, dass es als Vorbild für andere Kommunen dient, um die Wiederverwendung historischer Materialien voranzutreiben.

 

Kontakt: (bis 31. August 2020) 

Welterbestadt Quedlinburg
Depot Historische Baustoffe
Sachgebiet 2.4
Herr Horst Schöne
Markt 1
06484 Quedlinburg
Tel.: 039485 93032
E-Mail: horst.schoene@quedlinburg.de