Denkmale im virtuellen Raum – Virtuelle Reproduzierbarkeit in der Denkmalpflege

Seit den 1980er Jahren hat die Entwicklung bahnbrechender Software auch die Denkmalpflege revolutioniert. Mit Hilfe des „Computer Aided Design” (CAD), einer Technologie, die computergestützt das Erstellen von Entwürfen, Zeichnungen und Modellen ermöglicht, lassen sich in Museen und Dokumentationen verschwundene Bauwerke und vergangene Zeiten immer häufiger als virtuelle 3D-Rekonstruktionen erleben.

Die computergestützte Dokumentation vorhandener Bauten kann dabei vielfältig genutzt werden. Das Denkmal im Computer – also durch 3D-Scanner gewonnene, dreidimensionale Modelle – können die Fachleute beim Begreifen und Interpretieren von Denkmalen zu Rate ziehen, ganz ohne Eingriffe in die Substanz. Steht die Sanierung eines Denkmals an, wird es im Vorfeld elektronisch vermessen. Schäden werden dabei gleich mit dokumentiert, eine bequeme und zeitsparende Vorgehensweise. Doch auch aus Gründen der Archivierung ist die Digitalisierung hilfreich. Das Wissen über historische Bauwerke kann hierdurch dauerhaft für die Nachwelt erhalten bleiben. Die Zerstörung und Verwüstung ganzer Welterbestätten in den vergangenen Jahren oder der Brand von Notre Dame in Paris zeigen deutlich, dass Denkmale trotz aller Schutzmaßnahmen immer wieder gefährdet sind und unwiederbringlich verloren gehen können.

© ArchimediX GmbH & Co. KG, Ober-Ramstadt
© ArchimediX GmbH & Co. KG, Ober-Ramstadt

Auch als Simulation von nicht mehr existenten Denkmalen bietet die Digitalisierung große Chancen für die Denkmalpflege: Frühere Bauten lassen sich als 3D-Modell rekonstruieren, wie das Schloss Walldürn in Baden-Württemberg. Die erstmals 1241 erwähnte Burg wurde Ende des 15. Jahrhunderts durch den Mainzer Erzbischof Berthold von Henneberg zu einer vierflügeligen Anlage aus- und umgebaut. Nach 1865 wurden der Bergfried und ein Flügel abgerissen, die Gräben verfüllt und die verbleibenden Gebäude so umgebaut, dass man heute den 400 Jahre lange bestehenden Zustand nur noch mit Hilfe einer Rekonstruktion erlebbar machen kann. Fachleute, die sich mit dem Regensburger Dom beschäftigten, nutzten die Vorteile der Digitalisierung auf andere Weise: Nach Abschluss eines über Jahre angelegten Projektes war es gelungen, auf Basis von originalen Farbresten das Erscheinungsbild des Kirchenraums in vergangenen Epochen wie dem Mittelalter oder Barock annähernd wiederherzustellen.

Auf Basis der gescannten dreidimensionalen Daten lassen sich heute auch leicht Denkmale replizieren. Aus denkmalpflegerischer Sicht positiv zu bewerten ist dies dann, wenn man mithilfe solcher Reproduktionen das Original schützen kann. So wurde beispielsweise im niedersäschsichen Adlum bei Hildesheim eine brüchige Madonnenskulptur kopiert und steht nun witterungsbeständig am Originalstandort. 

Der uralte Traum von Zeitreisen ist dank der Digitalisierung längst möglich. Mit Hilfe von Virtual Reality-Ausflügen kann man sich ins antike Rom oder das Köln der Vorkriegszeit zurückversetzen und erlebt Historisches so hautnah, wie es zuvor nie möglich war. Doch genau hierin liegt auch ein Problem: Die digitalisierte Vergangenheit schafft einen fotorealistischen Raum, der bis ins kleinste Detail ausgearbeitet ist. Es existieren keine Lücken und Brüche; das, was man sieht, wird als historisch korrekt und real wahrgenommen und verändert möglicherweise unsere Wertschätzung der Vergangenheit. 

 

Ist der Verlust originaler Denkmalsubstanz womöglich gar nicht schlimm, wenn alles digital erfasst wurde und somit jederzeit rekonstruiert werden kann?  Die Antwort ist: Nein. Denn die Idee, dass originale Substanz mit all ihren Zeitschichten und Makeln der Jahrhunderte durch eine umfassende Digitalisierung quasi im virtuellen Raum gerettet werden kann, trügt. 

© ArchimediX GmbH & Co. KG, Ober-Ramstadt

Vielfach werben heute 3D-Modelle für geplante Wiederaufbauvorhaben von Denkmalen, doch trotz einer eindrucksvollen Bildsprache kratzt man hier doch immer nur an der Oberfläche. Denkmale sind mehr als schöne Fassaden, sie sind als Wissensspeicher und historische Dokumente, die wir immer wieder neu zu lesen lernen. Sie geben Antworten über frühere Arbeits- und Lebensumstände, über die verwendeten Materialien und Handwerkstechniken, über jahrhundertealte Erfahrungen und Wissen. Ein einmal zerstörtes Gebäude lässt sich nicht flugs wiederherstellen wie eine versehentlich gelöschte Datei auf dem Computer. Mehr noch, mit den heutigen Möglichkeiten, verlorene Bausubstanz wiederherstellen zu können, läuft man sogar Gefahr, originale Bausubstanz zu entwerten. Einmal Verlorenes ist unwiederbringlich verloren. Umso wichtiger ist es, unsere authentische gebaute Geschichte dauerhaft zu erhalten – eines der Hauptanliegen der Deutschen Stiftung Denkmalschutz.

Der Blogbeitrag beruht auf der offiziellen Mottobroschüre „Schein und Sein. Denkmale zwischen Illusion, Rekonstruktion und virtuellen Welten” der Deutschen Stiftung Denkmalschutz.