„Denkmale sind Wissensspeicher“

Annette Liebeskind erklärt, warum wir viel von den Bauweisen unserer Vorfahren lernen können, wie der Erhalt von Denkmalen unsere Ressourcen schont und was es mit der Kreislaufwirtschaft auf sich hat.

vom Team Tag des offenen Denkmals am 13. Februar 2020

Was ist das Besondere an vergangenen Bauweisen?

Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war die menschliche Arbeitskraft preiswert und das Material teuer. Der tatsächliche Energieeinsatz wurde bewertet. Regenerative Energiequellen wie Wind- und Wasserkraft, Holz und Tiere wurden bevorzugt genutzt, wenn sie regional zur Verfügung standen. Transportwege wurden nach Möglichkeit gering gehalten, Baustoffrecycling war an der Tagesordnung und Bauwerke wurden nach Bedarf umgenutzt und an veränderte Bedingungen angepasst. Daher sind Denkmale hervorragende Beispiele für Nachhaltigkeit. Oder anders ausgedrückt für den sparsamen Umgang mit dem Material- und Energieeinsatz und einer auf die lokalen Bedingungen angepassten Bauweise.

Annette Liebeskind, Leiterin der Abteilung Denkmalförderung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, ist gelernte Kunstglasergesellin und spezialisierte sich während ihres Architekturstudiums auf die Denkmalpflege. Ökologisches Bauen und Denkmalpflege sind seitdem untrennbare Grundsätze und bilden heute die Richtschnur ihrer Arbeit in der Deutschen Stiftung Denkmalschutz.

© Roland Rossner/Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Welches Innovationspotential sehen Sie im Erhalt eines Denkmals?

Bei der Erhaltung von Denkmalen sind zwei zentrale Vorteile zu nennen: Ressourcenschonung und Reduktion von Emissionen. Im Wesentlichen werden diese Vorteile durch die Einsparung des Materialeinsatzes bei der Sanierung möglich. Diese liegen bei rund 2/3, verbunden mit reduziertem Energieaufwand und reduzierten Emissionen, die sonst bei der Herstellung, dem Transport und der Entsorgung entstehen.  

Gibt es eigentlich nachhaltige Entsorgungsansätze?

Abfälle konnten in vergangenen Jahrhunderten vielfach in den Naturkreislauf zurückgegeben werden. Dieses Prinzip der Kreislaufwirtschaft, auch bekannt unter der Bezeichnung „cradle to cradle“ entdecken wir gerade neu. Die Betrachtung des Material- und Energieverbrauchs über den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes hinweg, von der Planung über die Baustoffherstellung, Baustelle, Transport und Entsorgung einschließlich der Einbeziehung der sogenannten Grauen Energie versuchen wir zudem als neue Prinzipien zu verstehen, zeitgemäß zu definieren und anzuwenden. Der ökologische Baustoff Lehm ist ein gutes Beispiel hierfür. Er ist vielfältig verarbeitbar und einsetzbar und wurde auf Grund der Erfahrungen in historischen Gebäuden für unsere heutigen Bauerfordernisse neu entwickelt.  

Der Erhalt von Denkmalen vermeidet also die hohen Entsorgungskosten. Kann man sagen, wer der größte Abfallverursacher heutzutage ist?

Der größte Abfallverursacher in Deutschland ist die Bauwirtschaft mit einem Anteil von über 50% des Aufkommens. Das Ziel sollte sein, das Kreislaufprinzip auch auf die Bauwirtschaft zu übertragen. Dies bedeutet vor allem heute Abfallvermeidung durch Weiternutzung und Ressourcenschonung. Langfristige Lebensdauer durch gute Gestaltung, gesunde Aufenthaltsbedingungen und Reparaturfähigkeit sind dabei anzustreben. Durch die mit der Ausweisung als Denkmal verbundene Erhaltungspflicht haben Denkmale hier eine gute Ausgangslage und bringen vielfach diese Qualität bereits mit. 

Was können wir grundsätzlich aus Vergangenem lernen?

Neben den neuen Prinzipien der Kreislaufwirtschaft und Ressourcenschonung sind kreative Lösungen gefragt, was Umnutzung, Erhaltung, Ertüchtigung und Weiterbauen unter größtmöglichem Erhalt der Bausubstanz angeht. Gut gestaltete Bauwerke sind werthaltig und haben dadurch eine bessere Erhaltungsprognose als die vielen wortreich schöngeredeten aber nichtssagenden Investorenprojekte unserer heutigen Zeit. Die Auseinandersetzung mit dem Bauen unserer Vorfahren, mit historischen Baustoffen und Baukonstruktionen und auch die Lösungen unserer Vorfahren für die Herausforderungen ihrer Lebenswirklichkeit oder klimatischen Bedingungen lehren uns, mit den Fragestellungen unserer Zeit umzugehen.

Sind Denkmale auch Wissensspeicher, was negative Erfahrungen angeht?

Ja, auf jeden Fall! Der Einsatz von Giften im Holzschutz, von Schwermetallen in Farben, von gesundheitsgefährdenden Faserstoffen für Wärmedämmung oder für den Brandschutz hat Menschen und Umwelt belastet. Unsere heutigen Möglichkeiten der wissenschaftlichen Untersuchung sollten helfen, den Einsatz gesundheitsgefährdender Stoffe frühzeitig zu erkennen und ihre Verwendung im Vorhinein zu vermeiden. Ein wesentliches Prinzip dabei ist die Risikominimierung und besser noch: die Risikovermeidung. Auf den Einsatz von Stoffen sollten wir, wenn es den Verdacht auf eine Gefährdung gibt, verzichten, um zukünftige Generationen nicht zu belasten.

Denkmalpflege und Nachhaltigkeit: Was bedeutet das für Sie?

Denkmalpflege und Nachhaltigkeit gehören für mich unmittelbar zusammen. Wir können in der Auseinandersetzung mit Denkmalen Anregungen für aktuelle Fragestellungen rund um das Bauwesen erhalten und daraus neue Ideen für einen veränderten Umgang mit den Ressourcen entwickeln. Denkmale sind Wissensspeicher vergangener Bau- und Wirtschaftsweisen.