Die Tricks der Baumeister – täuschend echt und anders als gedacht

Trifft der Spruch „Früher war alles besser“ im Sinne von Authentizität und Ehrlichkeit bei
unseren Denkmalen tatsächlich zu?

Dies kann man ohne zu zögern verneinen, denn schon immer wurde fingiert und getäuscht, um die Grenzen zwischen Schein und Sein aufzuheben. Den schönen Schein zu wahren, war eine über Jahrhunderte weit verbreitete Möglichkeit, Gebäude größer, weitläufiger und beeindruckender wirken zu lassen. Vielfach überraschen unsere Denkmale mit mächtigen Säulen, die nur dekorativen Charakter haben, Marmor, der sich bei näherem Hinsehen als Pappmaché entpuppt, oder Fassaden, die nicht darauf schließen lassen, dass sich dahinter ganz andere Kleinode verbergen als gedacht. Manchmal waren es knappe Kassen, die ausschlaggebend für den Griff in die architektonische Trickkiste waren, manchmal der Stolz auf die Fähigkeit zur Täuschung. Doch wieso machten sich Baumeister eine solche Mühe, beispielsweise große Ballsäle mit Spiegeln oder der Hilfe von Illusionsmalerei größer erscheinen zu lassen? Um dies zu verstehen, muss man sich in das Denken der Menschen vergangener Jahrhunderte zurückversetzen.

© Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Der Einsatz architektonischer Sinnestäuschungen spiegelt die herrschenden Machtgefüge und das religiöse Denken von damals wider. Schlösser zur Verherrlichung der adeligen Bauherren größer und prachtvoller erscheinen zu lassen, war besonders in der Barockzeit üblich. Prachtvoll ausgemalte, ein offenes Himmelgewölbe vortäuschende Kirchenkuppeln sollten die Gläubigen geistig näher zu Gott bringen. Schon in der Antike wurden bei Griechen und Römern Säulen den Gebäuden vorgeblendet, um deren äußere Symmetrie zu wahren. Fassadenflächen dekorierte man mit Putz und Stuck, um den Baukörper wirksamer in Szene setzen zu können. In den Ruinen des antiken Pompeji lassen sich heute noch Wandmalereien bestaunen, die mit den Mitteln der Illusion Ausblicke ins Freie schafften oder Gerätschaften in gemalten Regalen – scheinbar griffbereit – vortäuschten. Solche Kunsteffekte werden „Trompe-l’œil“ genannt, Augentäuscherei. Diese Illusionsmalerei fand ihren Höhepunkt im Werk der Baumeister des Barocks des 17. und 18. Jahrhunderts. Die sogenannte Quadraturmalerei erweiterte reale Räume und ließ Decken luftig in den Himmel wachsen. Möglich wurde dies durch die bereits in der Renaissance entdeckte Zentralperspektive, ein mathematischer Rechensatz mit überraschendem Ergebnis. Entscheidend hierbei ist, die auf einen Fluchtpunkt zulaufenden Linien eines Gemäldes zu verkürzen. Kunstfertig ausgestaltet mit Licht- und Schattenwirkungen, wird so eine fast wirklichkeitsgetreue Plastizität erzielt.

© M. L. Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Die Jesuitenkirche St. Martin im bayrischen Bamberg ist ein hervorragendes Beispiel für diesen Kunststil. Die schwindelerregend erscheinende Kuppel des Sakralbaus ist von außen nicht zu sehen. Das gemalte Gewölbe gilt als ein Meisterwerk der Illusionsmalerei. Nach dem Vorbild von Il Gésu, der römischen Hauptkirche des Jesuitenordens, errichteten die Gebrüder Georg und Leonhard Dientzenhofer den Bau von 1686 bis 1693. Für die Ausgestaltung des Gewölbes beauftragte man den Italiener Giovanni Francesco Marchini (1672-1745). Er galt zur damaligen Zeit als Spezialist der Perspektivmalerei und hatte sich diese Kunstfertigkeit bei Andrea Pozzo (1642-1709) abgeschaut. Sein Werk „Perspectivae pictorum et architectorum“, das auch in deutscher Sprache erschien, wurde zum Bestseller unter barocken Architekten.

Die Illusion hat jedoch einen entscheidenden Nachteil. Sie funktioniert nur, wenn der Betrachter sich an einem festen Ort aufhält. Bewegt man sich von dieser Position fort, gerät die im zweidimensionalen Raum angelegte Zentralperspektive in Schieflage, die gemalten Mauern, Säulen und Ornamente wirken verzerrt. Selbst die beste Täuschung gerät somit schnell an ihre Grenzen.

Die Industrialisierung mit ihren rasend fortschreitenden Entwicklungen brachte den Historismus als „neuen alten” Baustil hervor. In Anlehnung an Traditionelles bediente man sich der Stile vergangener Zeiten, die Neugotik trat in Konkurrenz zum „echten“ Mittelalter, Renaissance und Barockstile wurden an den Fassaden von Mietshäusern kopiert. Besonders Besucher aus Übersee nehmen viele dieser teils knapp nur über einhundert Jahre alten Gebäude als authentisch mittelalterlich oder prachtvoll barock wahr – eine gekonnt inszenierte Täuschung.

Ein eindrucksvolles Beispiel für ein Denkmal, das aus Geldmangel nur scheinbar aus kostbaren Materialien geschaffen wurde, findet sich im Norden Bremerhavens. Die heute märchenhafte Idylle von Thieles Garten begann in einem damals wenig besiedelten Moor- und Heidegebiet rechts der Weser. 1923 erwarben zwei Brüder, der Bildhauer Gustav (1877–1968) und der Maler Georg Thiele (1886–1968), ein Stück Land. Sie legten erste Gärten und Teiche an und verwandelten das 6000 Quadratmeter große Grundstück nach und nach autodidaktisch in eine Phantasielandschaft, in einen Skulpturengarten mit Brunnenanlagen, Staffagen und Figurengruppen. Hier wurde mit viel Liebe und Kreativität die Landschaft und die Natur mit der Kunst verbunden. Im Park finden sich lebensgroße Figuren, scheinbar aus edler Bronze geschaffen, die herumtollen, musizieren, baden, oder sich still im Brunnenwasser ansehen. Für einen Guss der Figuren fehlte den Brüdern jedoch schlichtweg das Geld.

© Hans-Stefan Bolz, Deutsche Stiftung Denkmalschutz

In Zeiten des Mangels nach dem Ersten Weltkrieg war an teure Metalle schlichtweg nicht zu denken. So setzten die Brüder ihre Ideen ab 1925 pragmatisch mit Eisen, Drahtgeflecht, wetterfestem Zement und Pottasche um. Dauerhaft wetterfest sind die Kunstwerke jedoch nicht. Die rund 60 Plastiken benötigen aktuell Hilfe, um die kreative Täuschung auch künftig im Park bewundern zu können.

An vielen unserer Denkmale lassen sich heute noch Täuschungsmanöver ablesen. Doch eine Besonderheit ist allen gemein: Unsere unglaubliche Denkmal-Vielfalt entstand damals größtenteils in Handarbeit, was uns heute eine äußerst wertvolle Vielfalt an schöpferischer und phantasievoller Gestaltung schenkt, ganz gleich ob real oder täuschend echt.

Der Blogbeitrag beruht auf der offiziellen Mottobroschüre „Schein und Sein. Denkmale zwischen Illusion, Rekonstruktion und virtuellen Welten” der Deutschen Stiftung Denkmalschutz .