„Fachwerkbalken speichern dauerhaft CO2“

Dr. Klaus Amon erklärt die Besonderheiten des Baumaterials Holz, wie Fachwerk dauerhaft Kohlenstoffdioxid aus unserer Atmosphäre speichern kann und was das für sein 222 Jahre altes Fachwerkhaus bedeutet.

vom Team Tag des offenen Denkmals am 08.07. 2020

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Fachwerkhaus Familie Amon © Beatrix Amon

Sie sind Denkmalbesitzer, haben Ihr Fachwerkhaus saniert und es zum Thema der Abschlussarbeit Ihres Zweitstudiums gemacht. Was ist das Besondere an dem historischen Baumaterial Holz?

Holz hat besondere statische, also baulasttragende Funktionen. So ist das dreidimensionale Holzgerüst im Fachwerk sehr robust und kommt mit geringen Wanddicken aus. Neben den statischen Funktionen zeichnet sich Holz durch eine gute Bearbeitbarkeit aus. Natürlich ist auch die Reparierbarkeit in weitem Maße und auf lange Zeit gegeben. Fachwerk verzeiht so manche Fehlleistungen.
Wenig beachtet wurden bislang die klimawirksamen Leistungen: Holz nimmt Kohlenstoffdioxid (CO2) auf und speichert es. Auch Konstruktionsholz wie Fachwerkbalken speichern dauerhaft CO2, zumindest solange es nicht verwittert.
Dieser Speichervorgang kann im Verrechnungsschema des Weltklimarates als sogenannte „Kohlenstoffsenke“ bezeichnet werden. Mindestens genauso wichtig ist ein weiterer Effekt: Wenn ich mit dem relativ energiearm produzierten Holz baue, können andere  energiereich  hergestellte Baustoffe entfallen. Das spart CO2-Emissionen ein.

Dr. Klaus Amon war 35 Jahre lang passionierter Unfallchirurg und schloss im Anschluss ein Masterstudium der Umweltwissenschaften in Hagen ab. Seither arbeitet er für NGOs, Genossenschaften, auf Streuobstwiesen und Weinbergen sowie gelegentlich bei seiner Ehefrau in der heimischen Bio-Imkerei.

 

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© Beatrix Amon

Welche Rolle spielt bei der Aufnahme von CO2 die Photosynthese?

Eine ganz elementare Rolle. Bäume nehmen wie jede Pflanze Kohlenstoffdioxid (CO2) aus der Atmosphäre auf und verwandeln es mit Wasser unter Einwirkung des Sonnenlichtes zu kohlenhydrathaltiger Biomasse. Diese dient der Pflanze als Energiequelle, Energiereserve und Gerüstsubstanz und ist das wichtigste Resultat der Photosynthese.
Man kann berechnen, dass bei diesem Prozess für den Aufbau von 1 kg pflanzlichem Kohlenstoff (C) 3,67 kg CO2 verbraucht werden. Da die Biomasse des Holzes zu 50 % aus Kohlenstoff besteht, entzieht 1 kg Holz also ca. 1,83 kg CO2 aus der Atmosphäre. Solange das Holz nicht verrottet oder verbrannt wird, verbleibt diese ursprünglich aus der Atmosphäre stammende Menge CO2 als C in der Holzsubstanz wie auf einer Art Konto „festgelegt“. Dies gilt auch für das Fachwerkgerüst an unserem Haus.

Speichern alle Baumarten gleich viel CO2 oder gibt es einen Baum, der sich deswegen besonders als Baumaterial eignet?

Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Einerseits ist die Speicherfunktion für CO2 von der Rohdichte der Baumart abhängig. Buche und Eiche haben gegenüber Nadelhölzern wie z.B. Fichte eine höhere Rohdichte, können also auf die Masse bezogen mehr CO2 aufnehmen. Andererseits wachsen die Nadelhölzer schneller und können dadurch diesen „Nachteil“ annähernd wettmachen. Sie haben allerdings auch eher mit Kalamitäten, wie aktuell mit Dürre und Borkenkäfer, zu kämpfen. Wenn der Wald als Kohlenstoffsenke dient, ist hauptsächlich die Wachstumsphase der Bäume von Bedeutung, die der forstwirtschaftlichen „Umtriebzeit“ in etwa entspricht. Somit ist die „Senkenleistung“ für die in Betracht kommenden Laub- und Nadelhölzer in Bezug auf ihre Umtriebszeit annähernd gleich.

Würden Sie sagen, dass der Erhalt von Fachwerkhäusern heutzutage aktiv zum Klimaschutz beiträgt?

Nicht primär der Erhalt, sondern das Bewohnen, das Leben in Fachwerkhäusern ist unter Einbeziehung diverser Besonderheiten als klimaschützend zu bezeichnen. Da ist zunächst das hohe Alter der Gebäude. Sie wurden zu ihrer Zeit mit einem geringen Energieaufwand und damit geringem Ausstoß von Klimagasen errichtet. Ihre Langlebigkeit führt zu wiederholter Vermeidung von Neuinvestitionen und damit zu hoher Ressourcenproduktivität. Und das sogar, wenn man den Material- und Energieinput für Reparaturen dagegen rechnet.

Nordseite des Fachwerkhauses einer Planansicht

Inwieweit ist Ihr Fachwerkhaus dann klimaentlastend?

Das ist eine spannende Frage, die ich mit Tonnen-Angaben beantworten kann. Für unser Fachwerkhaus wurden etwa 52 m³ Eichen- und Nadelholz verbaut. Daraus lassen sich die Beiträge zum Klimaschutz berechnen. In unserer Fachwerkkonstruktion werden dauerhaft 62 Tonnen CO2 gespeichert. Nachdem Holz aus nachhaltiger Waldwirtschaft genutzt wurde, haben die Fachwerkbalken seit der Bestandszeit weitere 90 Tonnen CO2-Senkenleistung erbracht. Wäre das Holz im Wald geblieben, wäre diese Leistung mit der Verrottung des Holzes komplett verloren gegangen. Außerdem kommen noch einmal mindestens 132 Tonnen CO2 durch den Ersatz von sonst verwendeten, energieintensiv hergestellten Baustoffen hinzu. Fachwerk leistet also während seiner gesamten Lebensdauer deutlich messbare Klimaschutzbeiträge.

Das ist doch eine sehr positive Erkenntnis!

Oh ja, und man kann zeigen, dass diese wenig beachteten „Verdienste“ des Fachwerks in der Summe eine so große Wirkung haben, wie eine Gebäudedämmung in 50 bis 100 Jahren leisten kann. Das bedeutet natürlich nicht, mögliche Dämmmaßnahmen prinzipiell zu unterlassen. Die Sanierung der obersten Geschossdecke oder maßvolle, genau berechnete Innendämmungen sind durchaus sinnvoll. Und natürlich gehört auch der Wechsel zu regenerativen Energieträgern unbedingt ins Portfolio des Denkmalbesitzers.

Der Tag des offenen Denkmals® steht mit dem Motto „Chance Denkmal: Erinnern. Erhalten. Neu denken.“ dieses Jahr ganz im Zeichen der Nachhaltigkeit. Denkmalpflege und Nachhaltigkeit – was bedeutet dieses Wortpaar für Sie?

Nachhaltigkeit und Denkmalpflege gehen auseinander hervor, wie man auch sehr gut am Beispiel unseres 222 Jahre alten, denkmalgeschützten Fachwerkhauses zeigen kann. Zu den Kriterien der Nachhaltigkeit gehört der Gedanke der Suffizienz, der Zulässigkeit und damit die Frage: Was ist genügend und hinreichend für mein Leben, für mein Wirtschaften? Was ist mein eigentlicher Bedarf?
In diesem Kontext komme ich dann schnell zu bestimmten Verhaltensweisen. In meinen Augen umfasst das die Kultur des Bewahrens, die Vermeidung von Verschleiß, des Reparierens und die Stärkung der Widerstandsfähigkeit. All diese Anliegen umschreiben die Denkmalpflege doch sehr passend und so wird aus Langlebigkeit Nachhaltigkeit.