Rekonstruktion und Denkmalkopien

Trotz der massiven Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs und der darauffolgenden Wiederaufbauphase, in der weitere wertvolle Bausubstanz einem vermeintlich neuen Zeitgeist und der „verkehrsgerechten Stadt“ geopfert wurde, bieten unsere Städte und Orte zwischen sowohl eintöniger als auch durchaus qualitätvoller moderner Architektur noch viel historische Bausubstanz, die am Tag des offenen Denkmals zu entdecken sich lohnt.

Aktuell ist in vielen Städten zu beobachten, dass man einzelne verlorene Gebäude oder ganze Quartiere mithilfe alter Bilder und Pläne wiedererrichtet. Praktischerweise entsprechen die Bauten hinter historisch nachempfundenen Fassaden dabei gleich den heutigen Bauvorschriften und bieten modernen Komfort, wie Tiefgarage und Wärmedämmung.
Rekonstruktionsprojekte entstanden verstärkt bereits in den 1980er Jahren. Das Vertrauen in stadtbildprägende Gegenwartsarchitektur ist geringer, als dies früher der Fall war. So entstehen teils ganze Stadtquartiere nach altem Vorbild auf dem Reißbrett neu.

Man könnte fast unterstellen, dass Stadtplaner und Politik mit einem Rückgriff auf bewährte bauliche Lösungen der Vergangenheit in den sensiblen Bereichen unserer Städte wenigstens nichts falsch machen möchten.

© Simsalabimbam, Lizenz: CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0), via Wikimedia Commons

An solchen Rekonstruktions-Vorhaben entzünden sich jedoch häufig intensive Debatten. Kritische Fachleute nutzen in diesem Zusammenhang vielfach den Begriff Nachbau oder Neubau, die Befürworter argumentieren mit ästhetischen Gesichtspunkten, die für das Vorhaben sprechen sollen – zwei sich oft unversöhnlich gegenüberstehende Ansichten. Die aktuellen Rekonstruktionsprojekte entspringen dem aktuellen Zeitgeist. Geschmack unterliegt dem Wandel. Bauten, die nach dem Krieg als moderner Neubeginn entstanden, sah man später lange als eintönige Nachkriegsarchitektur. Heute wiederum steigt der Wunsch nach „alten“ Neubauten. So, wie die Qualität der Nachkriegsmoderne inzwischen geschätzt wird, wird man vermutlich auch über solche Projekte in einigen Jahrzehnten wieder ganz anders denken.

Historisierende Rekonstruktionen gibt es in Deutschland seit über 200 Jahren. So entstanden beispielsweise die Rheinburgen zwischen Bingen und Koblenz neu. Im Zuge der aufkommenden Rheinromantik, die das Mittelalter verklärte, wurden zahlreiche zerstörte und verfallenden Residenzen und Wehranlagen von preußischen Prinzen und Königen wiederaufgebaut und gelten heute selbst als Denkmale. Der deutsche Kunsthistoriker Georg Dehio (1850-1932) hatte zu Rekonstruktionsplänen des Heidelberger Schlosses eine gänzlich andere Meinung: „(…) erhalten und nur erhalten! Ergänzen erst dann, wenn die Erhaltung materiell unmöglich geworden ist; Untergegangenes wiederherstellen nur unter ganz bestimmten, beschränkten Bedingungen.“ Eine solche Ausnahme stellt somit der Wiederaufbau unmittelbar nach einer Zerstörung dar, als Beispiel sei der Hamburger Michel genannt, den man nach einem Brand 1906 wiederaufbaute. Denn nur ein größtmöglich authentisches Denkmal kann als Wissensspeicher und Zeitdokument die Fragen späterer Generationen beantworten. Die reine Kulisse ohne Innenleben lässt keine Rückschlüsse auf früher verwendete Materialien, Handwerkstechniken und den ursprünglichen Zweck eines Gebäudes zu.

© Carl Friedrich Fay, Gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Schon lange existiert vom Technischen Rathaus der Stadt Frankfurt aus den 1970er Jahren nur noch die Tiefgarage. Der umstrittene, im Stil des Brutalismus errichtete Bau musste weichen, nachdem eine Asbestsanierung anstand und der Gedanke einer Altstadtreparatur immer mehr Anhänger fand. Die ursprüngliche Altstadt war im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört und später abgeräumt worden. Seit 2018 kann man die „Neue Altstadt“ wieder erleben. Innerhalb von sechs Jahren wurden insgesamt 35 Gebäude neu errichtet, dabei wurden die Vorkriegsfassaden nur teilweise rekonstruiert. Vieles entstand in neuen Formensprachen und in Anlehnung an die alten Bauten. Bei den Rekonstruktionen kamen traditionelle Handwerkstechniken zum Einsatz, gerettete Fragmente wurden wieder eingebaut, doch entsprechen die Gebäude heutigen Standards. Sie sind keine authentisch historische Kopie, wie beispielsweise die „Goldene Waage“, die als Original 1619 fertiggestellt wurde und deren Nachbau nicht einmal zehn Jahre alt ist.

Kann man authentisch Historisches noch schätzen, wenn auch Neubauten historisch wirken? Diese „neuen alten“ Gebäude können keine in sich schlüssige Geschichte mehr erzählen. Aufgrund welcher Basis wird rekonstruiert; welche „Zeitschicht“ entsteht wieder; welche Bauphasen verschwinden für immer? Wird nach aktuellem Zeitgeschmack oder nach Qualität entschieden? Müssen unbequeme Bauten und Zeugnisse weichen, wie etwa der Palast der Republik in Berlin?

Der repräsentative DDR-Palast und ein Aufmarschgelände ersetzten das Berliner Stadtschloss. Zurückgehend auf einen Bau von 1451 zeigte sich die Residenz der Hohenzollernherrscher seit 1699 im spätbarocken Erscheinungsbild nach Plänen Andreas Schlüters. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Bau 1945 stark beschädigt, doch blieb es im Kern erstaunlich gut erhalten. Nicht nur einzelne Treppenhäuser und sämtliche Außenwände überstanden den Krieg, Teile des Schlosses bleiben sogar unzerstört und wurden weiter genutzt. 1950 erfolgte auf Beschluss des 3. Parteitages der SED die Sprengung des Schlosses aus ideologischen Gründen, als ein Symbol des preußischen Militarismus und Imperialismus. In den 1970er Jahren entstand der neue Palast der Republik als repräsentatives Kulturhaus, in dem sich zahllose DDR-Bürger bei Kulturveranstaltungen amüsierten. 1990 wurde hier durch die erste frei gewählte Volksvertretung der DDR, die Volkskammer, der Beitritt zur Bundesrepublik beschlossen.

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Trotz seiner historischen Bedeutung besonders für die Geschichte der DDR wurde der moderne Bau bis 2008 abgerissen. Zwischen 2013 und 2021 wurde der alte Schlossbau als „Humboldt Forum“ rekonstruiert, jedoch nicht vollständig. Spreeseitig erhebt sich eine moderne Rasterfassade, während die übrigen drei Schaufassaden, ebenso wie drei Fassaden des barocken Schlüterhofs, dem Original entsprechend wiedererrichtet wurde. Verbaut wurden ebenfalls wenige vor der Sprengung ausgebaute Originalfragmente, wie das Portal IV. Die Reaktion von Kritikern fällt entsprechend vernichtend aus. Eine Wiederherstellung der hunderten, ehemals prachtvoll ausgestatteten Innenräume stand nie zur Debatte. Hinter kunstvoll gestalteten Sandsteinfassaden verbirgt sich ein Kern aus Stahlbeton, der künftig ein modernes, multifunktionales Museum beherbergen wird.

Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz setzt sich für den Erhalt unseres authentischen, historischen Erbes ein. Viel zu oft verschwindet wertvolle Originalsubstanz aufgrund mangelnden Bauunterhalts, durch Unwissen oder Profitgier, während andernorts künstlich historische Nachbauten für viel Geld in den Himmel wachsen. Helfen Sie uns dabei, unsere gebaute Geschichte als Erbe auch für die nächsten Generationen weiter im Original zu erhalten.

Der Blogbeitrag beruht auf der offiziellen Mottobroschüre „Schein und Sein. Denkmale zwischen Illusion, Rekonstruktion und virtuellen Welten” der Deutschen Stiftung Denkmalschutz .