„Wir erhalten Zeugnisse unserer Vergangenheit für die kommenden Generationen.“

Lange Zeit verging kein Freitag, ohne dass Schülerinnen, Schüler und Studierende auf die Straße gingen. Ihre Forderungen an die Politik sind schnelle und effiziente Maßnahmen für den Klimaschutz. Die globale Fridays for Future-Bewegung machte damit den verantwortungsvollen Umgang mit unseren Ressourcen zum Trendthema. Mit dem Motto Chance Denkmal: Erinnern. Erhalten. Neu denken. steht in diesem Jahr auch der Tag des offenen Denkmals® ganz im Zeichen der Nachhaltigkeit. Gemeinsam möchten wir der Frage nachgehen, wie nachhaltig die Denkmalpflege ist.

Bevor wir uns am 13. September 2020 selbst auf digitale Spurensuche begeben, haben wir sieben junge Erwachsene nach ihrer Meinung befragt. Alle absolvieren ihr Freiwilliges Soziales Jahr in der Denkmalpflege bei den Jugendbauhütten der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Nach dem Vorbild der mittelalterlichen Bauhütten, in denen Meister ihre Lehrlinge unterrichteten, lernen sie traditionelle Handwerkstechniken, die sie dann am Original praktisch anwenden. Damit leisten sie einen wichtigen Beitrag in der Denkmalpflege. Und das sind ihre Sichtweisen auf die Frage: Was ist an Denkmalpflege nachhaltig? 

vom Team Tag des offenen Denkmals am 20. Mai 2020

Jugendbauhütte Stade bei der Arbeit in Oldenburg, Sanierung der Mauer in Schlosspark-Küchengarten
Schlosspark Küchengarten, © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz

„Die Verwendung von Holz ist wohl ein gutes Beispiel für Nachhaltigkeit.“

In Zeiten von Klimawandel und steigenden CO2-Emissionen sind Denkmale und die Denkmalpflege ein gutes Beispiel für Langlebigkeit und Qualität. Standards, welche heutzutage immer seltener werden und sich in steigender Müllproduktion bemerkbar machen. Die Verwendung von Holz ist wohl ein gutes Beispiel für Nachhaltigkeit. Als regional verfügbarer Baustoff ist Holz meist mit wenig Transport verbunden und zudem emissionsfrei in der Herstellung. Außerdem ist Holz äußerst langlebig, wie bis zu 470 Jahre alte Balken in dem Hufnerhaus der Hamburger Jugendbauhütte bezeugen.

Noah Hinkes (18) aus der Jugendbauhütte Hamburg

„Wir erhalten Zeugnisse unserer Vergangenheit für die kommenden Generationen.“

Die Frage, was nachhaltig an der Denkmalpflege ist, ist sehr einfach zu beantworten: Alles! Wir erhalten Zeugnisse unserer Vergangenheit für die kommenden Generationen. Dies ist im Sinne des Allgemeinwohls eine durch und durch nachhaltige Arbeit. Wir tun dies nicht nur für uns, sondern vor allem für unsere Nachkommen. Während meines Praktikums haben wir beispielsweise an einem alten Wirtschaftsgebäude eines Schlosses gearbeitet. Diese Gebäude werden im Moment vollständig restauriert und sollen meines Wissens nach, in Zukunft unter anderem der Jugendbauhütte Gartendenkmalpflege ein neues zu Hause geben.

Hanna Röhrs (23) aus der Jugendbauhütte Berlin-Brandenburg

Alle Informationen rund um die 15 Jugendbauhütten der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und wie man sich auf ein Freiwilliges Soziales Jahr bewerben kann, gibt es unter: www.denkmalschutz.de/jugendbauhütten

Treffen der Sprecherinnen und Sprecher aller Jugendbauhütten auf Schloss Annaberg © Roland Rossner

„Als Auflage für die Brücken verwenden wir im Park gefundene Feldsteine.“

In dem Schlosspark Altdöbern kommen viele verschiedene Habitate und Biotope auf engstem Raum vor. Damit hat der Park eine viel größere Artenvielfalt als die in Brandenburg weit verbreiteten Kiefer-Monokulturen. Der Schlosspark ist außerdem ein wichtiger Erholungsort und Lernort für den örtlichen Kindergarten. Gleichzeitig bringt er auch einige Touristen in das Dorf, was wiederum wichtig für die Wirtschaft ist.

Auf die Frage, was nachhaltig an Denkmalpflege ist, fällt mir spontan ein, dass wir in der Gartendenkmalpflege oftmals historische und natürliche Baustoffe benutzen. Ein konkretes Beispiel aus dem Park Altdöbern ist der Bau von Parkbrücken und Wegen. Als Auflage für die Brücken verwenden wir im Park gefundene Feldsteine. Außerdem verarbeiten wir umgestürzte und gefällte Bäume direkt in der Anlage mithilfe eines mobilen Sägewerks zu Brettern weiter, trocknen diese vor Ort und bauen daraus Brücken. Das führt dazu, dass lange Transportwege vermieden werden und beinahe ein geschlossener Stoffkreislauf entsteht.

Deborah Seick (20) aus der Jugendbauhütte Gartendenkmalpflege

„Es ist definitiv nachhaltiger alte Gebäude umzunutzen, als jedes Mal neu zu bauen.“

Ich kann mir wenig vorstellen, was so nachhaltig ist wie die Denkmalpflege. Denn viele Gebäude, die unter Denkmalschutz stehen, werden nicht museal genutzt. In Denkmalen wird gewohnt, sie dienen als Begegnungsorte oder Veranstaltungsorte mit toller Atmosphäre. Es ist definitiv nachhaltiger alte Gebäude umzunutzen, als jedes Mal neu zu bauen. Betrachtet man Nachhaltigkeit nicht nur unter dem ökologischen Aspekt, sondern auch unter dem Gesichtspunkt des langen Wirkens, so stellt man schnell eines fest: Durch die Denkmalpflege wird Geschichte in verschiedensten Formen erhalten. Denn keiner kann sich der Wirkung von der ihn umgebenden Geschichte entziehen, sodass die Denkmalpflege in doppelter Weise nachhaltig ist. Ein konkretes Beispiel für eine Umnutzung ist das Wasserschloss Quilow, das saniert wird und als Veranstaltungsort dienen soll.

Jovan Reuter (19) aus der Jugendbauhütte Stralsund/Szczecin

„Kulturelle Nachhaltigkeit bedeutet für mich also der Erhalt von Kulturzeugnissen.“

Nachhaltigkeit in der Denkmalpflege kann in meinen Augen nicht nur ökologisch, sondern auch kulturell gesehen werden. Denn Denkmale bieten der Gesellschaft eine Möglichkeit, sich in frühere Zeiten zu versetzen. Somit werden Wissen und Lebensgefühl der Vergangenheit nachhaltig geschützt. Darüber hinaus sorgt der aktive Prozess, also die Restaurierung, für eine konstante mediale Präsenz der Denkmale und erhält damit auch das Interesse an Kulturgütern. Kulturelle Nachhaltigkeit bedeutet für mich also der Erhalt von Kulturzeugnissen.

Ein Beispiel für diese Art der Nachhaltigkeit ist die Restauration eines Rettungs- und Beibootes der Viermastbark „Passat”, der wir uns in meiner Einsatzstelle zurzeit widmen. Zwar wird das Boot nicht mehr schwimmfähig sein. Auf dem Museumsschiff erhalten wir aber den Originaleindruck und machen somit das damalige Ambiente erlebbar, indem es an die Gefahren erinnert, denen die Seeleute trotzen mussten.

Felix Koch (19) aus der Jugendbauhütte Schleswig-Holstein

„Denkmalpflege ist nachhaltig, weil wir mehr über unsere Wurzeln, unsere Herkunft und unsere Geschichte in Erfahrung bringen.“

Die Denkmalpflege bedeutet in erster Linie die Erhaltung kulturell wertvoller Gebäude und Substanzen. Egal, ob es sich dabei um eine Burgruine, eine Felsformation, das Gebäude einer wichtigen Kaufmannsfamilie oder ein Kirchenfenster handelt. In all diesen Dingen steckt Wissen. Das Wissen derer, die viele Jahrhunderte, oder gar Jahrtausende vor uns gelebt haben. Wenn man dies überträgt, betrifft die Denkmalpflege also nicht nur den Erhalt materiellen Werts dieser Hinterlassenschaften, sondern auch den damit verbundenen ideellen Wert.All die alten, fast vergessenen Handwerkstechniken, Glaubensüberzeugungen und Lebensumstände bzw. Lebensgewohnheiten können so den Zahn der Zeit überdauern und von Generation zu Generation weitergegeben werden. 

Denkmalpflege ist nachhaltig, weil wir mehr über unsere Wurzeln, unsere Herkunft und unsere Geschichte in Erfahrung bringen. Eine Menschheitsgeschichte, die so vielseitig ist, wie unser Wesen und die Natur selbst. Es stellt alles in allem einen Gewinn für die ganze Gesellschaft dar. Nur durch die kontinuierliche Erhaltung unserer Vergangenheit und im Bewusstsein dieser können zukünftige Entscheidungen getroffen und beurteilt werden.

Bei Grabungsarbeiten an der Augustusbrücke, im Zuge einer Sanierung, konnten beispielsweise die Fundamente der alten Brücke freigelegt und dokumentiert werden. Dies ist besonders nachhaltig, wenn man die Entwicklung der Stadtplanung und ihrer einzelnen Perioden betrachtet. So kann nachvollzogen werden, wie die frühe Version des heutigen Dresden ausgesehen haben könnte. Nach all den Einschnitten, die es miterlebt hat – von Umstrukturierungen bis zu Kriegszerstörungen. 

Alexandra Schneider (19) aus der Jugendbauhütte Sachsen

„Nachhaltig an der Denkmalpflege ist für mich, jemandem zu zeigen, wie er etwas ohne Maschinen herstellen kann.“

Nachhaltigkeit ist ein vielseitiger Begriff. Nachhaltig an der Denkmalpflege ist für mich, jemandem zu zeigen, wie er etwas ohne Maschinen herstellen kann. So lernen wir mit eigener Kraft etwas zu kreieren und zu formen. Bei einer Mauerinstandsetzung stabilisierten wir die Mauer beispielsweise an einigen Stellen. Dazu haben wir Stein für Stein von der Mauer heruntergenommen, nummeriert, geprüft und angepasst. Nur die Steine, die brüchig waren, tauschten wir durch Neue aus. Danach bauten wir die begradigte Mauer wieder auf. Falls nötig, setzen wir Anker, die die Mauer verstärken. Auf diese Weise ist es möglich, auch noch für lange Zeit die Burgmauern so zu betrachten, wie sie in der Vergangenheit gebaut wurden.

Alicia Helmers (20) aus der Jugendbauhütte Thüringen