Sein & Schein – in Geschichte, Architektur und Denkmalpflege

Der Schein trügt, Mehr Schein als Sein oder Die Welt urteilt nach dem Scheine – viele Sprichwörter greifen das Verhältnis von Täuschung und Realität auf. Ob Magie, Historienfilme oder das Berliner Schloss im Wiederaufbau, in vielen Lebensbereichen werden wir Teil einer „vorgetäuschten“ Wirklichkeit. Doch warum lassen wir uns so gerne verzaubern, verblüffen und hinters Licht führen? Nicht erst seit Social Media spielen wir mit unserer Wahrnehmung. Was in der Antike beginnt, findet in der Kunst und Architektur des Barocks seinen Höhepunkt und strahlt bis in die Gegenwart.

Deshalb möchten wir uns am Tag des offenen Denkmals 2021 mit Illusionen, Täuschungen und der Originalität unserer Denkmale beschäftigen. Das „Sein“ steht dabei an erster Stelle, denn ohne Original und Materialität gibt es weder Täuschung, Retusche noch Rekonstruktion. Denkmale können nur dann Geschichten erzählen, wenn die Spuren der Historie zu erkennen sind. Und welche Rolle nimmt dabei die Denkmalpflege ein? Wir freuen uns darauf, gemeinsam mit Ihnen dem Motto „Sein & Schein – in Geschichte, Architektur und Denkmalpflege“ 2021 auf den Grund zu gehen – vor Ort und digital.

Der schöne Schein: Täuschung in den bildenden Künsten

Ob die Nachahmung der Natur, Sinnestäuschungen im Dekor oder visuelle Erweiterungen der Architektur – immer geht es um das Verhältnis von Sein und Schein. So brachten verschiedene Epochen wie der Realismus, Barock, Historismus oder die Moderne ihre spezifischen Kontexte, Werke und Interpretationen mit sich.

Illusionistische Techniken lassen sich u.a. in Mosaiken, Zeichnungen, Skulpturen, Gemälden, Naturabgüssen und in der Architektur finden. Hyperrealistische Skulpturen zeichnen sich etwa durch Techniken wie die Verwendung von Echthaar, Glasaugen und besondere Bemalungen aus. Selbst Stillleben spielen mit unserer Sinneswahrnehmung, wie es Plinius der Ältere (23/24 n. Chr.) überliefert. So schuf Zeuxis seine bekannten Traubenbilder im Wettstreit mit Parrhasios. Auf seinen Bildern waren die Trauben so realistisch gemalt, dass Vögel diese anpickten. Zeuxis hingegen wurde von dem täuschend echten Vorhang des Parrhasios in die Irre geführt. Denn er versuchte, den Vorhang beiseite zu schieben. Durch perspektivische Raffinessen lässt das sogenannte Trompe-l’oeil (frz. „Augentäuschung“) Dargestelltes real erscheinen. In der Architektur führte allen voran die zentralperspektivische Wand- und Deckenmalerei Sinnestäuschungen herbei.

kleiner Saal, Wandbilder
Auch der Stuckrahmen ist gemalt: Trompe-l’oeil im Schloss Altdöbern

Illusion durch Handwerk: Von Gewölben, Stucco lustro und Quaderputz

Im Barock erleben illusionistische Darstellungsmethoden wie das Trompe l’oeil einen Höhepunkt: Die Vermischung mehrerer Künste wie Malerei, Architektur, Skulptur, Musik und Theater sowie das Interesse für das Übernatürliche und Himmlische brachten eine Vielzahl an illusionistischen Techniken hervor . Mit gemalten Scheinarchitekturen ließen sich Räume visuell erweitern und vergrößern. Scheinkuppeln stellten dabei eine Verbindung zum göttlichen Himmelreich her, vergegenwärtigten Glaubensinhalte und können damit Mitgefühl auslösen.

Über die Symbolkraft hinaus war die Motivation häufig pragmatischer: Wie konnten edle Baustoffe preiswerter produziert werden? Federleichtes Pappmaché diente so als Stuckersatz und verputztes Fachwerk imitierte durch aufgemalte Quader ein sauber gearbeitetes Steinmauerwerk. Mithilfe von Farben, Putz und Reliefs entstanden sogenannte Scheinfassaden, die Fenster, Säulen und Gesimse vortäuschen konnten.  Zu den historischen Handwerkstechniken der architektonischen Illusion, gehört neben Quaderputz, Grisaillemalerei, Rustizierung, Holz-Maserung oder Stuckmarmor. Stuckmarmor ahmt in verschiedenen Techniken die Beschaffenheit echten Marmors nach. Bei der Kalkputztechnik Stucco lustro ist die typisch marmorierte Oberfläche des Natursteins aufgemalt. Bei der Instarsientechnik Scagliola färben hingegen Farbpigmente die aus Gips- und Leimwasser bestehende Masse ein. Stuckmarmor wurde bereits in der Antike hergestellt und kommt aufgrund seiner enormen Strahlkraft besonders im Barock vor.

Hinter der klassizistisch anmutenden Fassade der Dorfkirche in Plänitz verbirgt sich ein einfacher Fachwerkbau
Stuckmarmorsäulen tragen die Balustrade unterhalb einer Gewölbemalerei, die den Blick in den Himmel öffnet: Bibliothekssaal des Klosters Wiblingen
Nadelholz im Eichenholz-Gewand: Pfungstädter Büchner-Villa

Orte der Illusion und scheinbar unscheinbare Denkmale

Theaterbauten mit aufwendig gefertigten Requisiten, prunkvoll ausgestattete Schlossanlagen, Lichtspieltheater oder Bahnhofkinos: Sie alle vereint die Eigenschaft, Ort oder Attribut der Repräsentation, Illusion und Inszenierung zu sein. An diesen Bauwerken werden Geschichten erzählt, historische Stoffe inszeniert, Macht repräsentiert oder das Auge mit bewegten Bildern ausgetrickst.

Doch längst nicht alle Denkmale lassen sich auf den ersten Blick als solche erkennen. Wie ein aus dem 19. Jahrhundert stammendes Backhaus in Bad-Honnef zeigt. Überbaut fiel es jahrzehntelang in den Dornröschenschlaf bis es 1997 wiederentdeckt wurde. So kamen bei Befunduntersuchungen am Görlitzer Schwibbogenhaus Wandmalereien unter einer weißen Putzschicht zum Vorschein. Manchmal zeigt sich die Bedeutung eines Ortes erst beim genaueren Hinsehen. Denkmale mit einer „augenscheinlich“ unscheinbaren Fassade sind leicht zu übersehen – wie das überputzte Fachwerkhaus um die Ecke.

Backhaus in Aegidienberg
Das „Backes“: ein wiederentdecktes Fachwerkhaus in Bad Honnef
Treppenhaus
Übertragen, um sie zu erhalten: die Weydinger Treppe im Berliner Nicolaihaus

Denkmale im Gewand anderer Bauwerke

Eine Epoche mit rückwärtsgewandtem Blick: Der Historismus stand ganz im Zeichen der Wiederbelebung vergangener Baustile. So zitierten Baumeister im 19. Jahrhundert bewusst die Stilformen der Renaissance oder Gotik und verbanden diese zum Teil miteinander. Als Inspirationen dienten Architekturen und Ausdrucksformen anderer Länder. Mit seinen polygonalen Flankierungstürmen erinnert das Schloss Friedelhausen an die englische Tudorgotik und greift damit die typische Bauweise Großbritanniens auf. Bauelemente wurden imitiert, neu interpretiert oder als Spolien entwendet. Den Überlieferungen nach ließ Ende des 8. Jahrhunderts Karl der Große, spätantike Spolien aus den Kaiser-Residenzen Rom und Ravenna nach Aachen schaffen. Die Integration antiker Spolien in die Aachener Pfalzkapelle gab dem politischen Anspruch, das Erbe des römischen Reiches anzutreten, Ausdruck. Die Übertragung einzelner Bauelementen kann ebenso der Denkmalpflege dienen. Geborgen aus einem 1967 abgerissenen Gebäude, konnte die Weydinger Treppe gerettet und erfolgreich in das Berliner Nicolaihaus übertragen werden.

Konservieren, restaurieren, rekonstruieren?

Der Umgang mit originaler oder verlorengegangener Substanz an und in historischen Bauwerken ist ein lebendiger Diskurs in der modernen Denkmalpflege. Etliche Beispiele von Erhalt, Instandsetzung, Wiederaufbau oder Rekonstruktion bezeugen seit Jahrhunderten einen äußerst vielfältigen Umgang – je nach politischem, kulturellem und historischem Kontext. Dabei ist die Auseinandersetzung mit konkreten Maßnahmen der historischen Re- oder Teilrekonstruktion ebenso spannend für die Auseinandersetzung mit unserem Motto „Sein und Schein“ wie aktuelle Debatten. Wie ist zum Beispiel Ihre Haltung zu dem Wiederaufbau des Berliner oder Braunschweiger Schlosses? Der Totalrekonstruktion steht die Denkmalpflege häufig kritisch gegenüber, weil sich Baugeschichte nicht nachbauen lässt. Bei der Rekonstruktion fällt die Entscheidung daher immer auf eine fiktive Stilrichtung, die es in einer gewachsenen Bausubstanz nicht geben würde.  Dadurch können denkmalrelevante Bauelemente, Zeitschichten oder ganze Bauphasen in Vergessenheit geraten.

Als lebendige Zeugnisse jahrhundertelanger Traditionen der Völker vermitteln die Denkmäler der Gegenwart eine geistige Botschaft der Vergangenheit (…). Sie [die Menschheit] hat die Verpflichtung, ihnen die Denkmäler im ganzen Reichtum ihrer Authentizität weiterzugeben.

Charta von Venedig, 1964

In Abgrenzung zur Rekonstruktion beschreibt die Restaurierung Instandsetzungen und Wiederherstellungen mit dem Ziel, die originale Substanz und den Zeugniswert von Bauteilen und Baudenkmalen zu erhalten. Mit diesem Anspruch steht die Restaurierung ganz im Zeichen des Seins.

Carl Theodor Brücke (alte Brücke), Wittelsbacher
Der „Schlossstreit“ von Heidelberg verhandelte um 1900 die Frage: Erhalt der Ruine oder Wiederaufbau des Schlosses? Die Entscheidung zum Erhalt wurde wegweisend für die moderne Denkmalpflege.
Frauenkirche in Dresden
2005 wurde der Wiederaufbau der Frauenkirche Dresden mit einem Festakt eingeweiht.
Aussenansicht, Frühling, Sonne, Geburtshaus, Reformator Dr. Martin Luther, Ausstellung
Nachdem Luthers Geburtshaus 1689 in Eisleben ausbrannte, ließ die Stadt das Gebäude mit neuer Funktion wiederaufbauen.

Sein und Schein in der Denkmalpflege

Das vehemente Plädoyer von Georg Dehio – „Konservieren, nicht restaurieren“ – hat die Denkmalpflege in Deutschland über ein Jahrhundert geprägt. Doch hat es heute noch Wirkung? Folgt die Denkmalpflege heute unbeirrt dem Primat der Originalsubstanz, dem Sein? Welche anderen Interessenlagen lassen sie von diesem einstmals definierten Königsweg abweichen? Welche Bedeutung haben Nutzungsveränderungen, wirtschaftlicher Druck – oder auch nur mangelndes Interesse der Bürger am echten Denkmal? Rekonstruktionen ersetzen lange Verlorenes, moderne Materialien lösen historische Baustoffe ab, preiswerte Fertigteile verdrängen traditionelles Handwerk? Nach Dehio ist die Leistung der Denkmalpflege die Spuren der Geschichte zu bewahren und nicht, Neues alt aussehen zu lassen. Ist dieses moderne Verständnis von Denkmalschutz heute noch aktuell? Und sind Denkmalbehörden finanziell und personell ausreichend ausgestattet, um diesen Anspruch umzusetzen und den Bürgern zu vermitteln?

Ausblick: Wenn 3D-Drucker Denkmale drucken

Die Digitalisierung unserer Gesellschaft führt zu neuen Fragestellungen in der Denkmalpflege. Digitale Untersuchungsmethoden, Archivierungsmöglichkeiten oder die Visualisierung verlorengegangener Zustände: Was in der archäologischen Forschung längst praktiziert wird, rückt für die Baudenkmalpflege zunehmend in den Fokus. 3D-Scans erfassen Bauaufnahmen millimetergenau. Mittels 3D-Druck lassen sich theoretisch Repliken herstellen und ersetzen manuelle Handwerkstechniken. Sein oder Schein in der Denkmalpflege? Restaurierungen, Rekonstruktionen oder 3D-Repliken sind wichtige Entwicklungen für die Bewahrung unseres kulturellen Erbes und das Verständnis unserer historischen Zeugnisse.